Hinter Gittern
Autark – eine Welt da draußen, so scheint es, existiere nicht. Fröhlich wirken sie alle miteinander; Knastbrüder, Justizbeamte und Ausbilder führen ein von der Welt abgeschiedenes und eigenständiges Leben. Wir werfen einen Blick hinter Spanische Gardinen. „Ich gehe ins Gefängnis“, so denke ich im Stillen. Eine Übernachtung mit Frühstück würden wir gratis bekommen. „Diesmal nicht. Doch herzlichen Dank für das Angebot“, antworte ich auf die attraktive Einladung.
Humorig-trocken geht es im „Centro Penitenciario de Palma“ zu. Wir müssen durch drei Kontrollen hindurch und unsere Pässe zeigen. Wir sind völlig abgeschieden. Das mutet mulmig an und gleichzeitig sind wir voll der inneren Neugierde und Erwartung auf die andere Welt innerhalb der Mauern.
Das neue Gefängnis besteht seit Mai 1999. Insgesamt sitzen hier zurzeit 1600 Häftlinge ein. „Hier setzen wir auf soziale Integration“, sagt Gefängnisdirektor Manuel Avilez. „Alle Insassen sind aufgrund einer persönlichen Studie eines professionellen Behandlungsteams intern eingestuft worden. Darin werden, abgesehen von ihrem Delikt, ihre persönliche Anpassung sowie Entwicklung und eigene Historie zugrunde gelegt. Einen offenen Vollzug gibt es hier nicht. Gefangene, wenn sie erst einmal in diesem Strafvollzug klassifiziert sind, nehmen am „Centro de Inserción Social“, an der sozialen Integration teil“ führt Don Manuel fort. Die Straftätigkeit in diesen Zentren Spaniens zielt darauf, mit Wiedereingliederungs-Maßnahmen den Gefangenen zu helfen, sie auf das soziale Leben „da draußen“ mittels Behandlungsprogrammen und vielfältigen Aktivitäten ins soziale Leben außerhalb der Gefängnismauern vorzubereiten.
Das Gefängnis umfasst eine Fläche von 397.674 m2, bebaut sind davon 83.468 m2. Darauf stehen 14 „modulos“, Gebäude. Zwei davon sind für die etwa 300 einsitzenden Untersuchungshäftlinge, eines speziell für Frauen.
Das „Modulo de comunicaciones“ ist das Gebäude für Besucher. Im Erdgeschoss plaudern die Häftlinge mit ihren Angehörigen durch Glasscheiben. Im Stockwerk darüber dürfen sie mit ihren Besuchern sogar an einem Tisch sitzen. Im oberen Stockwerk gibt es Räume mit Betten, in denen sich die Häftlinge ohne jegliche Beobachtung seitens balearischer Justiz mit ihrer Familie zwei Stunden lang allein aufhalten können, und das zweimal im Monat. Dafür gibt es einen strikten Zeitplan. Dürfen sie denn mit ihren Frauen Sex haben? – war meine ungezügelte Neugier auf das Gefangenen-Intimleben. „Aber natürlich, das ist sogar wichtig“, strahlt mich der Fortbilder an.
Der Tagesablauf eines Gefangenen verläuft zwischen Arbeit, Ausbildungskursen und Freizeitgestaltung äußerst aktiv. In den Kursräumen herrscht reges Bildungsleben. Viele holen Schulabschlüsse, Ausbildungen im Handwerk oder akademische Examen nach, sei es in der Philologie oder im Rechtswesen. Einige verließen das Gefängnis mit juristischem Examen und arbeiten in der Freiheit als Rechtsanwälte. 19 Lehrer kommen täglich von außerhalb und leiten Fortbildungskurse. In der Bibliothek gleich nebenan wacht Lina (Name von Red. geändert) über die Verteilung der Bücher. Zwei Wochen lang dürfen sich Häftlinge Bücher ausleihen, bei Bedarf verlängern. „Wir haben sogar deutsche Literatur” freut sich Lina.
“42% der Gefängnisinsassen sind Ausländer”, informiert mich Direktor Manuel Avilez. Den genaueren Anteil einzelner Nationalitäten möchte er uns verständlicherweise nicht mitteilen, denn das würde die Vertrauenswürdigkeit zum Gefängnis verletzen. Auch ist es so, dass viele Inhaftierte ihren Freunden und Verwandten einst nicht darüber informierten, dass sie im Gefängnis sind. Sie sind eben längere Zeit verreist. Wir respektieren ihren Wunsch und möchten ihre Anonymität wahren.
Vom Modulo 12 schwärmen viele Häftlinge, vor allem die Kursleiterin selbst, unter deren Obhut das Projekt „Modulo de respeto“ steht, wie man dieses Gebäude nennt. Man hat sich hier einander mit Respekt zu begegnen, egal, aus welchen Gründen sich jemand hinter mallorquinischen Gittern befindet. Denn innerhalb der Vergehen gibt es oft Hierarchien, die hier jedoch entfallen sollen. Gewöhnlich stehen Vergewaltiger und Kindesmißhandler ganz am Ende der Gefangenen-Hierachie-Skala. Andy (Name geändert), ein junger Nordafrikaner hat nur noch zwei Wochen einzusitzen. Er freut sich auf seine Entlassung, obwohl auch er vom Modulo 12 schwärmt. „Dass man sich hier mit Respekt einander begegnet, weder jemanden wegen seiner kulturellen Herkunft und Nation oder den Grund seines Einsitzens diskriminiert. „Das ist das Schöne hier“, so sagt Andy. Was er denn angestellt habe, wollte ich wissen. „Scheckkartenbetrug“. „So etwas werde ich nie wieder machen. Ich habe aus meinem Fehler gelernt. Wenn ich rauskomme, werde ich in meine Heimat zurückkehren.“ Andy hat seine Zeit im Gefängnis sinnvoll genutzt. Er hat Sprachen gelernt und Philologie studiert. „Wir freuen uns wieder auf den Montag“, sagt Gerhard (Name geändert) „Dann ist die Wochenend-Langeweile vorüber“. Man geht innerhalb seiner Gruppe einer gemeinsamen Aktivität nach, beispielsweise bei einer Ausbildung zum Elektriker. Andere freuen sich, ihrem künstlerischen Talent kreatives Schaffen zu verleihen. Beliebt sind Arbeiten mit Holz oder das Gestalten von Bildern. Einmal am Tag setzen sich alle zusammen und besprechen unterschiedlichste Anliegen. Allerdings gibt es auch, wie uns Projektleiterin Sandra (Name geändert) berichtet, Gefangene, die nicht an diesem Projekt teilhaben mögen. Diejenigen dürfen wieder in ihr Modul zurückgehen, sind jedoch für eine Zeitlang an der Teilnahme an den Projekten im Modul 12 ausgeschlossen.
Der Arbeitsalltag beginnt morgens um 9.00 Uhr. Schon im Garten herrscht reges Treiben. Häftlinge pflegen Blumenbeete, vor allem Gemüsegärten. Die Kursleiterin ist Landwirtschaftsingenieurin, die außer über die Gefangenen zu wachen, ihnen landwirtschaftliches „Know How“ beibringt. Die Arbeit hier ist eine Beschäftigungsgestaltung. Übrigens wird die Pfefferpflanze, die für einen würzigen Geschmack mit ihrem „pebre verd“, dem grünen Pfefffer in mallorquinischer Sobrassada sorgt, hier angepflanzt. In der Gefängnissporthalle finden Wettkämpfe jeglicher Art statt. Die eigene Fußballmannschaft hat es sogar schon in der dritten Liga geschafft. In den Sommermonaten dürfen die Gefangenen zweimal in der Woche im Pool schwimmen. In der Pause sehen wir Gefängnispaare miteinander Hand in Hand über den Hof am Pool schlendern. Übrigens gab es hier in diesem Jahr schon drei Hochzeiten.
„Floh denn schon einmal ein Gefangener?“- wollte ich wissen. „Seit zwei Jahren gab es keinen Ausbruch“, antwortet Manuel Avilez stolz, der das Gefängnis von Mallorca leitet.
Tief in Gedanken versunken, versunken aus der anderen Welt hinter den Mauern und des Stacheldrahts verlassen wir das Gefängnis. Die Heiterkeit und freundliche Gelassenheit dort drinnen? Ist das alles echt? Oder Eigenironie des Schicksals? Das konnten wir nicht herausfinden. Noch fehlten uns die Worte. Ein paar Stunden, unser Erleben dort „drinnen“ war beeindruckend.














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